Karma

Da saß ich nun in der Tram, gedankenverloren, als plötzlich eine furienhafte Gestalt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich zustürmte.

Ihre Augen funkelten wie die letzten Funken eines alternden Feuerwerks, und ihr Geschrei füllte den Wagon. „Du hast mit meinem Freund geschlafen, das werde ich dir niemals verzeihen!“ Alle Passagiere richteten ihre Blicke auf uns, während ich verdutzt dreinschaute und versuchte, diese Frau einzuordnen. Nichts.

Mein Gehirn war ein leerer Raum.

Erst als sie mir ihren Namen entgegenschleuderte, fiel der Groschen. Es war diese Bloggerin aus den frühen 2000ern. Einst eine gefürchtete Fashionbloggerin, die mich in ihrem Blog immer verachtet hatte – nicht etwa, weil ich ihr etwas getan hätte, sondern weil ich ein grosses Netzwerk pflege mit Leuten aus der Fashion & Film Branche. Für sie war ich nie „schwul genug“, kein „Klischee-Gay“, wie sie es gerne sah, und das war Grund genug, mich bei Events auszuladen und mich bei ihren Kreisen zu ignorieren.

Ach, süße Nostalgie.

In dem Moment musste ich einfach laut lachen. Nicht nur, weil ich endlich die Situation verstand, sondern weil der wahre Grund so herrlich absurd war.

„Schätzchen,“ sagte ich mit einem amüsierten Lächeln, „ich wusste schon damals, dass dein Freund dir untreu war. Aber statt dir die Wahrheit zu sagen, hast du mich lieber ignoriert. Du wolltest nichts mit mir zu tun haben.“ Ihre Kinnlade klappte leicht runter, und die Wut wich Verwirrung.

Ich erklärte ihr die Wahrheit, wie ich damals ruhig geblieben war und die ganze Situation nur aus der Ferne beobachtet hatte. Wie ich wusste, dass sie mich bei den wichtigen Events absichtlich ausgeschlossen hatte, und wie ich mich trotzdem nie revanchiert hatte. Nicht aus Nachsicht, sondern weil ich wusste, dass Karma sich immer seinen Weg bahnt – früher oder später.

In dem Moment war ihr die ganze Situation sichtbar peinlich. Das Gemurmel der anderen Fahrgäste verwandelte sich in unterdrücktes Kichern. Sie stammelte eine Entschuldigung, die sich anhörte wie ein schlecht vorbereiteter Schulaufsatz. Ich lächelte nur und winkte ab. „Keine Sorge, das Leben regelt das von selbst.“

Und während die Tram an der nächsten Haltestelle hielt, stieg sie mit hängendem Kopf aus. Ich sah ihr nach und dachte mir: Vielleicht hat sie es jetzt verstanden.

Und wenn nicht – na ja, das Karma ist ja noch da, irgendwo.

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