Die Morgenroutine, die keine war

Es gibt Tage, an denen ich fast glauben könnte, ich lebe in einer kitschigen Liebeskomödie. Die Sonne strahlt warm durch das bodentiefe Fenster, Lichtkaskaden tanzen auf der Bettdecke, und der Duft von frischem Kaffee steigt mir in die Nase. Wie in einer Szene aus Sex and the City, die ich einst selbst zu schreiben träumte, wird mir der heiße Wachmacher ans Bett gebracht, und ich werde mit einem sanften Kuss auf der Wange geweckt. Oh, die Romantik, die Unschuld dieses Moments — bis ich plötzlich die Augen aufreiße.

Wo zur Hölle bin ich?

Der perfekte Filmriss, meine Damen und Herren, und ich, die Hauptdarstellerin ohne Drehbuch.

Ich sitze aufrecht, das Kopfkissen noch halb im Gesicht, die Decke unordentlich über meinen Körper drapiert. Die gläserne Skyline der Stadt zwinkert mir frech zu, irgendwo im 12. Stock, während mein Herz schneller pocht als die schlimmste Szene aus einem Horrorfilm. In meinem Kopf wirbelt es: Scheiße, wie spät ist es? Der Puls schnellt noch weiter hoch: Und was ist letzte Nacht passiert?

Ich blicke mich um. Meine Kleider liegen verstreut auf dem Fußboden wie die Überreste eines längst vergangenen Festes. Die Erinnerungen fehlen — eine gewaltige Leerstelle, die sich beharrlich weigert, sich mit Sinn zu füllen. Plötzlich fühlt es sich an, als sei ich im falschen Film gelandet, und ich spiele eine Rolle, die ich nie geprobt habe. Wo sind die Szenen meiner eigenen, kontrollierten Routine, wo ich jeden Schritt kenne und niemanden verdächtigen muss?

Dann dämmert es. Ein One-Night-Stand. Oh mein Gott, nein, schießt es mir durch den Kopf. Nicht nur irgendein One-Night-Stand — nein, mit dem besten Freund. Der beste Freund, der ja eigentlich schwul ist. Ich male mir Szenarien aus, die ein ganzes Buch füllen könnten: unser Tratschtrupp in Aufruhr, unser gemeinsames Freundschaftsvermächtnis gefährdet, Dramen, die in meiner Vorstellung immer größer werden. Panik, die mir den Atem raubt, bis mir beinahe schlecht wird. Oh nein, denke ich, ich habe alles riskiert.

Da erscheint er, mein Freund mit dem charmanten Lächeln, und fragt in diesem entspannten Tonfall, ob ich gut geträumt hätte. Ob ich weiß, wie süß ich auf seinem Sofa eingeschlafen bin, nachdem ich ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hatte. Und dass er und sein Lover extra in dessen Schlafzimmer verschwanden, damit ich meinen Rausch in Frieden ausschlafen konnte.

Ich atme tief durch. Eine Welle der Erleichterung überrollt mich, und ich bin zurück in meinem eigenen Film, der viel weniger dramatisch, aber verdammt nochmal ein Stückchen schöner ist.

Die Morgenroutine, die keine war, wird zum amüsanten Highlight meines Tages.

Eine Antwort zu „Die Morgenroutine, die keine war”.

Hinterlasse einen Kommentar