Es gibt Dinge, die man in Zürich lernt. Zum Beispiel, dass es für jedes Problem eine App gibt, dass Tram 7 grundsätzlich zu spät kommt – und dass meine Nachbarn offenbar der felsenfesten Überzeugung sind, unsichtbar zu sein, sobald sie ihren Balkon betreten.
Ich wohne in einem dieser charmanten Quartiere, wo die Häuser nah genug stehen, dass man seinen Nachbarn eigentlich gar nicht kennen muss – man kennt sie trotzdem. Ob man will oder nicht. Und manchmal… sieht man sogar ein bisschen mehr, als man bestellt hat.
Denn offenbar gibt es eine magische Schwelle zwischen Wohnzimmer und Balkon, die jegliche Hemmungen verdampfen lässt. Kaum wird die Schiebetür aufgezogen, verwandelt sich mein vis-à-vis in eine Mischung aus Adam, Adonis und “Ich dachte, hier sieht mich eh keiner”.
Spoiler: Doch, ich sehe euch.
Und ich schlürfe meinen Kaffee dabei genauso stilvoll wie Carrie ihren Cosmopolitan.
Da steht also der Nachbar – nennen wir ihn Mr. Bare Minimum – morgens auf dem Balkon, nur mit einem Handtuch bewaffnet, das gefährlich locker über seiner Hüfte hängt. Er trinkt seinen Kaffee, streckt sich, schaut verträumt in den Himmel. Ich hingegen blicke eher gebannt auf dieses Handtuch, weil ich mich frage:
Wie viele Sekunden trennen uns von einem unbeabsichtigten Nacktyoga-Moment?
Ich sage mal so: Ich habe Dinge gesehen, die mich weder traumatisiert noch gestört haben… aber über die ich definitiv nicht in der Hausversammlung sprechen werde.
Dann gibt es da die andere Sorte:
Die, die halbnackt Pflanzen giessen, während sie laut telefonieren – und denken, als Nachbar wäre ich komplett blind UND taub. Das ist wie eine Reality-Show, nur ohne Werbeunterbrechung. Ich nenne sie liebevoll “Quartier & the City”.
Und ich bin nicht die Hauptfigur.
Ich bin der stille Beobachter am Fenster, der seine eigene Folge kommentiert, während ich oft mal darüber nachdenke, ob ich schon wieder Popcorn machen soll. *hehe*
Versteht mich nicht falsch – ich beschwere mich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich mag diese kleinen Einblicke in fremde Alltagsgewohnheiten. Sie erinnern mich daran, dass wir alle nur Menschen sind: chaotisch, lässig, manchmal unabsichtlich exhibitionistisch.
Aber vielleicht, nur vielleicht, sollten wir uns bewusst sein:
Wer morgens halb nackt Kaffee trinkt, hat mindestens einen Zuschauer.
Und der wohnt… genau hier.
Doch bis jemand im Quartier auf die Idee kommt, Vorhänge zu montieren, werde ich weiter meinen Kaffee trinken, meinen imaginären Carrie-Bradshaw-Monolog führen – und mich fragen, ob meine Nachbarn wohl denken, ich sei die unsichtbare Person in dieser Geschichte.
Spoiler Nummer zwei:
Bin ich nicht. 😉
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