Wir nehmen vieles für selbstverständlich.
Den Kaffee am Morgen. Den sicheren Heimweg. Dass jemand zurückschreibt. Und manchmal – ohne es zu merken – nehmen wir auch Menschen für selbstverständlich.
Wir sehen eine Hülle, ein Profilbild, ein paar Sätze.
Und zack: Schublade auf, Mensch rein. Zu laut. Zu leise. Zu sensibel. Zu kompliziert. Oder noch schlimmer: „Ach, den kenne ich schon.“ Dabei kennen wir meistens nur unsere Projektionen.
Vorurteile sind bequem. Sie sparen Zeit, schützen uns vor Nähe und geben uns das Gefühl, die Welt im Griff zu haben.
Aber sie sind auch faul. Und unfair.
Denn kaum jemand ist das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint.
Der Ruhige ist nicht uninteressant – vielleicht denkt er einfach tiefer.
Die Selbstsichere ist nicht arrogant – vielleicht hat sie hart dafür gekämpft.
Der, der sich zurückzieht, ist nicht kalt – vielleicht hat er schon zu oft erklären müssen, warum er ist, wie er ist.
Wir leben in einer Zeit, in der alles schnell gehen muss. Likes, Meinungen, Urteile. Swipe links, swipe rechts – auch im echten Leben. Doch Menschen lassen sich nicht in Sekunden erfassen.
Sie entfalten sich. Langsam. Wenn man sie lässt.
Was wir oft vergessen: Auch wir selbst möchten nicht auf einen schlechten Tag, eine Unsicherheit oder einen Moment reduziert werden. Wir möchten gesehen werden – richtig. Mit all unseren Widersprüchen, Narben und leisen Seiten. Vielleicht beginnt Veränderung genau hier:
Nicht alles sofort zu bewerten. Nicht alles als gegeben hinzunehmen. Einmal mehr nachzufragen statt abzuwinken. Einmal weniger zu urteilen und einmal mehr zuzuhören. Denn hinter fast jedem Menschen steckt eine Geschichte, die wir nur dann hören, wenn wir aufhören, sie für selbstverständlich zu halten.
Und vielleicht ist genau das echte Verbindung: Nicht perfekt zu sein – sondern offen genug, einander neu kennenzulernen.
Immer wieder.
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